2. Juni 1967 - 2. Juni 2017

Rede vor der Deutschen Oper
Hazel Rosenstrauch

Publishing date: 

Dezember 2017

Publisher: 

Geschichtswerkstatt

Edition: 

Rundbrief

 

 

2. Juni 1967 - 2017

 

Es ist offenkundig eine Alterserscheinung, dass ich jetzt als Zeitzeugin tituliert und eingeladen werde. Ja, ich war vor 50 Jahren (!) dabei, mein nachhaltigster Zeuge ist ein Brustwirbel, der bis heute schmerzt. Ich hatte mich noch vorgedrängt, weil ich ja so klein bin und möglichst viel mitbekommen wollte. Als die fanatisierten Polizisten – ohne Vorwarnung – losgestürmt sind, habe ich mich auf den Boden geworfen, Arme über dem Kopf – die Folge war der Gummiknüppel auf dem Rücken.

 

Was ich danach gemacht habe, weiß ich nicht mehr, erinnere mich vor allem daran, dass wir (? heute fällt es mir schwer, dieses „wir“ zu identifizieren) uns am nächsten Tag an der FU trafen, und allerlei Vorschläge für weitere Aktionen durch die Luft schwirrten und wir das Erlebte besprechen konnten. DAS war wichtig. Man war nicht nur entsetzt, verletzt und ausgeliefert, sondern war Teil einer Gruppe, in der sich die Schmerzen auf wundersame Weise verwandelten. Wir sprachen über die Angst, widersprüchliche Informationen und Gerüchte über einen Toten – wollten etwas tun, ändern, uns wehren, die Welt, zumindest die Kommilitonen und auch Professoren informieren … Das Persönliche war politisch, das Politische wurde zur persönliche Angelegenheit. Die Prügel bekamen eine Bedeutung, die über meine individuelle Verletzung hinaus ging.

 

 

 

Interessanter als solche Veteranengeschichten scheint mir die Besinnung auf das, was sich seither und als Folge der Empörung weiter Kreise nach dem 2. Juni geändert hat: Lange Haare und saloppe Kleidung sind kein Grund mehr, von der einheimischen Bevölkerung bespuckt oder physisch bedroht zu werden. Man hört nicht mehr „unter Adolf hätte man euch ins KZ gesteckt“ oder „euch sollte man vergasen“ (obwohl das neulich eine Bettlerin in der U-Bahn auch sagte, weil sie nichts bekommen hatte). Unter Polizisten gibt es jetzt junge Männer mit langen oder sogar bunten Haaren, bei Demonstrationen diskutieren sie mit Protestierenden oder lachen sogar – all das war in den 1960er Jahren ebenso unmöglich wie eine Widerrede gegen Autoritäten. Die Berliner Bevölkerung ist nicht mehr überaltert und vor allem nicht mehr fanatisch, der radikale Antikommunismus, der ihre Sicht geprägt hatte, ist obsolet geworden.

 

Vor 50 Jahren war es nicht üblich, dass man oder gar eine Frau einem Professor Fragen stellt, Forderungen für bessere Studienbedingungen wurden gerade erst erfunden, alles war hierarchisch und Ordnung das oberste Gebot. Die Luft war noch von Ex-Nazis verpestet. Polizeipräsident Duensing war ein ehemaliger Generalstabsoffizier der Wehrmacht und Kommandeur der Schutzpolizei gewesen – von da brachte er seine Leberwurst-Taktik mit, „in die Mitte hineinstechen, damit die Protestierenden an den Seiten herausspritzen“. Bundeskanzler war Kurt Georg Kiesinger, der seine Karriere im Staatsapparat des NS-Regimes begonnen hatte und für die sog. Notstandsgesetze war, die 1968 – dann schon unter großem Protest der APO – verabschiedet wurden. Ein Großteil der meinungsbildenden Juristen und Professoren, Politiker und Wissenschaftler waren in der NSDAP gewesen, darüber wurde in den 60er Jahren noch kaum gesprochen.

 

Das Wort Lügenpresse gab es noch nicht, aber Zeitungen, Rundfunk, Polizei und Berliner Regierung logen, dass sich nicht nur Balken bogen, sondern die Brücken zum Establishment zusammengebrochen sind.

 

Der 2. Juni hat viele junge Leute – Studierende, Lehrlinge, Fürsorgezöglinge und auch Journalisten, einige wenige Professoren und nach ein paar Tagen den damaligen Bürgermeister verändert. Nach und nach und nicht zuletzt durch die Konfrontation mit einer von Drill und Drohung geprägten Polizei haben junge oder auch nicht so junge Menschen gelernt, den Mund aufzumachen, sich zusammen zu tun, um ihre Welt mitzugestalten. Seither haben sich mehr Menschen getraut, versteinerte Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Germania öffnete sich, man nahm andere Kulturen und Traditionen wahr; es gab Proteste aller Art, Initiativen und Zusammenschlüsse, um diese und jene Interessen zu vertreten, neue Lebens- und Wohnformen, Off-Bühnen und Raubdrucke von Büchern, die wegen der Vertreibung ihrer Autoren nicht auf dem Markt waren.

 

 

 

Männer dürfen Gefühle zeigen und Frauen aktiv sein, Konventionen, an die man sich halten muss, gibt es kaum mehr. (Wie das demnächst mit der Leitkultur wird, wissen wir noch nicht.) Wir haben furchtbar viel gelesen, entworfen, diskutiert, viele Fragen gestellt … die zu banalen Antworten samt lächerlichen Parteigründungen, Dogmen und erneuerter Disziplin kamen erst später und das sind die Wermutstropfen beim Gedenken an 67ff.; Seither und noch immer interessiert mich die Frage, wie zu verschiedenen Zeiten unter immer anderen Bedingungen Strukturen untergehen und Neues in die Welt kommt.

 

 

 

Wir dachten nicht, dass all das wieder zurückgedreht werden könnte. Die 1970er Jahre brachten – unter Willy Brandt! – Berufsverbote, und spätestens der sogen. Deutsche Herbst – hie Entführungen und Morde der RAF, da Überwachung und Bespitzelung durch Polizei und „Volk“ – haben die Euphorie und Illusionen gedämpft.

 

Vor und zurück. Aber das Wissen und der Blick über den deutschen Tellerrand war nicht mehr rückgängig zu machen. In den 1980er gab es nochmals einen Schub, als die NS-Generation tot oder doch aus wichtigen Positionen verschwunden war, Wohngemeinschaften, Hausbesetzungen, Punks und Proteste – Gorleben, Wackersdorf, Startbahn West. Man kommt in Deutschland nicht mehr (um Erich Kästner zu zitieren) „mit Sporen und gezog‘nem Scheitel auf die Welt“.

 

Ich habe übrigens, wenn auch erst nach 7 aufreibenden Jahren, meinen Prozess gegen den Polizeipräsidenten und Leberwursttaktiker Duensing gewonnen. Der Polizeieinsatz am 2. Juni 1967 war – in den Augen eines deutschen Gerichts – rechtswidrig. Das Schmerzensgeld, das mir zugestanden wurde, habe ich erstaunlicher Weise in die Rente investiert, was mir jetzt zugute kommt.

 

Die Verhältnisse haben sich in vieler Hinsicht zum Positiven entwickelt, aber es bleibt noch – und wieder – viel zu tun. Ich bin schon neugierig, was die jetzige junge Generation wegräumen und neu gestalten wird; … ob die aktuellen Probleme durch Revolten, Reformen oder Diktat gelöst oder verschärft, befriedet oder zugespitzt werden.

 

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